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"Nachdenken kann man auch im vorhinein." (Benyoetz)

 
Andreas Platthaus in FAZ-Feuilleton heute:

"Achtundvierzig Stunden
Dreizehn Minuten: George W. Bushs Rede war meisterhaft

's wird leider Krieg, und alle begehren, nicht schuld daran zu sein. Doch der amerikanische Präsident hat Verantwortung übernommen, wo andere kneifen. ... Und Bush lieferte mit der Rede, die sein Ultimatum an Saddam Hussein begründete, ein rhetorisches Meisterstück ab... warum sollte dann der letzte Schritt, der die Welt jetzt vom Frieden trennt: Abdankung und Exilierung Saddam Husseins, nicht auch noch gelingen? Schröder muß sich Saddam wohl als einen rationalen Mann vorstellen.
Es gibt aber keinen dem westlichen Vorbild entsprechenden Amtseid für den Präsidenten des Irak, sonst müßte Saddam, wollte er ihn halten, zusammen mit seiner Familie sofort die Segel streichen. Nur so kann er jetzt noch größten Schaden von seinem Volk abwenden. Doch Wahnsinn oder kalte Berechnung - was auch immer den Diktator an sein Amt kettet, es stützt zwangsläufig die amerikanische Argumentation.

Bush hat alle Trümpfe in der Hand - bis auf die noch ungeklärte Völkerrechtsfrage eines Angriffs auf Grundlage der Resolutionen 687 und 1441. Die amerikanische Position sieht hier kein Problem, doch der Präsident wußte, daß dies international eher eine Mindermeinung ist. ...Bush hielt eine Rede an zwei Nationen, sie richtete sich nicht nur an die Amerikaner, sondern auch an das von Saddam unterjochte Volk. Nicht mehr die irakischen Massenvernichtungswaffen waren plötzlich der zentrale Punkt seiner Rede, sondern das Motiv der Freiheit...

Jede Antwort auf Bushs Rede muß sich dessen bewußt sein, daß mit ihr eine neue Ära eingeleitet wurde; es war zweifellos die wichtigste Rede eines amerikanischen Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg. Zentral war der Verweis auf ein Prinzip, das Bush als wiederkehrende Konstante der Vergangenheit erkannt hat: Appeasement. Damit spielte er nicht allein auf den britischen Premierminister Chamberlain an, der mit den Worten "Peace in our time!" 1938 triumphierend aus München zurückgekehrt war, wo er gerade Hitler freie Hand für die Zerstückelung der Tschechoslowakei gegeben hatte, sondern Bush weitete den Begriff aus zum Kennzeichen der Politik des zwanzigsten Jahrhunderts. Damit bezog er unausgesprochen auch den Kalten Krieg mit ein, als beide Seiten totalitäre Regime stützten, um an den Nebenschauplätzen entweder die Pax americana oder die Pax sovietica zu wahren. Mit Bushs Rede von Montag nacht kehren zumindest die Vereinigten Staaten wieder zurück zu einem Politikverständnis des neunzehnten Jahrhunderts, als Allianzen je nach Interessenlage wechseln konnten.

Das ist in den letzten Monaten bereits geschehen. Staaten, die unzertrennlich schienen, stehen heute auf verschiedenen Seiten, und auch wenn sich im Kriegsfall der ganze Westen nolens volens um Amerika scharen wird, bleibt der Eindruck einer gesprengten Nato bestehen. Wir erleben erst jetzt das Ende jener Blockpolitik, die die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt hat.

Dazu paßt das subtile Pathos...an die irakische Bevölkerung und gebrauchte Floskeln, die genauso im Zweiten Weltkrieg an Deutsche und Japaner gerichtet wurden: "Handeln Sie ehrenvoll und schützen Sie Ihr Land, indem Sie den friedlichen Einmarsch der Koalitionstruppen erlauben", "Kämpfen Sie nicht für ein sterbendes Regime, das Ihr Leben nicht verdient". Denn "der Tyrann wird bald weg sein, der Tag der Befreiung ist nahe"....

Doch dann wählte Bush auch Worte, die im Zweiten Weltkrieg nicht gesprochen wurden, die aus der Erfahrung jener Zeit geboren sind, als nach dem Sieg der Alliierten deutsche Verbrechen publik wurden, die zuvor als undenkbar gegolten hätten: "Ihr Schicksal", sprach er die Iraker an, "wird von Ihren Handlungen abhängen. ,Ich habe nur Befehlen gehorcht' wird nicht als Verteidigung gelten." Jeder historisch auch nur halb Gebildete hört die Gleichsetzung von Hitler und Saddam, von Irakern und Deutschen heraus. Und mit dem Verweis auf einen freien und blühenden Irak wird die Parallele zu Nachkriegsdeutschland überdeutlich: "keine Angriffe auf Nachbarn mehr, keine Giftfabriken, keine Hinrichtung von Dissidenten, keine Folterkammern und Vergewaltigungszimmer" - kurz: das Ergebnis von sechs Jahren Weltkrieg in einem kurzen Feldzug auf begrenztem Territorium, weil man diesmal rechtzeitig handeln wird.

Niemand zweifelt, daß es all die von Bush genannten Schrecken im Irak gibt, und auch Schröder räumte in seiner Erklärung ein, daß es wünschenswert sei, daß der Diktator sein Amt verliert. Warum ist das dann nie zum zentralen Gegenstand der Forderungen erhoben worden? Weil der Preis des Krieges für diese Entmachtung zu hoch schien. Doch Bushs Rede - und das war ihre Meisterleistung - hat den längst gängigen Vergleich zwischen Saddam und Hitler vom Niveau intellektueller Debatten auf die Ebene der Diplomatie gehoben. Sofern man ihn akzeptiert, kann es nur eine Antwort geben: Der Preis für den Sturz Saddams ist nicht zu hoch. Denn was Bush als Alternative zum amerikanischen Einmarsch beschwor, ist nicht Frieden, sondern "ein Tag des Schreckens", wenn wieder einmal das versäumt werden sollte, was der Präsident als Lehre aus dem zwanzigsten Jahrhundert gezogen hat."
ANDREAS PLATTHAUS
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2003, Nr. 66 / Seite 37

zeitungenIrak

FAZ net: "Ist ein Krieg gegen den Irak gerechtfertigt?
Nach wochenlangem diplomatischen Bemühen scheint der Krieg gegen den Irak unabwendbar. Ist ein solcher Krieg gerechtfertigt?(Ihre Stimme wurde gezählt.)
Ja: 573 Stimmen 32.87%Nein: 1170 Stimmen 67.12%"


"Allensbach: Deutsche auf Distanz zu Amerika
F.A.Z. FRANKFURT, 18. März. Die Deutschen gehen auf Distanz zu Amerika. Nur noch elf Prozent betrachten die Vereinigten Staaten als den "besten Freund Deutschlands", nur noch zehn Prozent haben eine "gute Meinung" von Präsident Bush. Das sind die hervorstechenden Ergebnisse der aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach. Auch über "die Amerikaner" hat sich das Urteil ins Negative gekehrt. Die Mehrheit der Deutschen hält sie für "rücksichtslos, gewalttätig, hochmütig". (Siehe Seite 5.)"
 

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